„Nie wieder zurück auf die Straße!“

In einem Büro des Straßenmagazins und der Kunstgalerie „fiftyfifty“ in Düsseldorf bin ich verabredet mit Julia von Lindern, Sozialpädagogin und Mitarbeiterin von „fiftyfifty“ und Phillip Jung (Name wurde von der Redaktion geändert). Phillip Jung ist 41 Jahre alt und war bis vor anderthalb Jahren für insgesamt zehn Jahre wohnungslos.

„Auf der Straße“, das bedeutete für ihn, ein Leben zwischen Bruchhäusern, irgendwo im Gebüsch am Rande der Stadt oder im Wald. Er erklärt mir, dass er die Innenstadt abends und über Nacht grundsätzlich gemieden habe. „Übergriffe sind dann leider an der Tagesordnung.“ Nicht nur Attacken durch angetrunkene Junggesellenabschiede sondern auch das Anzünden von Schlafsäcken seien keine Seltenheit. Zur Anzeigen werden solche Taten in der Regel nicht gebracht. Julia von Lindern erinnert sich an eine Begegnung mit Phillip Jung, als er mit Jochbeinbruch und ohne Krankenversicherung auf der Straße aufgelesen wurde.

Aus Schutz vor Übergriffen halten Obdachlose deshalb ihre Unterkunft häufig geheim.  

Die Sozialpädagogin erklärt mir, dass es sehr schwierig sei, die Anzahl von Wohnungslosen einer Stadt zu ermitteln. Man gehe aber davon aus, dass deutschlandweit rund 50.000 Menschen tatsächliche „draußen schlafen“. Die Zahl nehme zu vor allem aufgrund des Verdrängungskampfs auf dem Mietmarkt. „Es gibt immer weniger bezahlbare Wohnungen, die Mieten steigen, mehr und mehr Sozialwohnungen fallen aus der Preisbindung. „Wenn Sie bei einem Wohnungsbesichtigungstermin in Düsseldorf keine eigene Adresse nennen können, dann ist natürlich klar, dass die Vermieter davor zurückschrecken. Zumal es meistens noch 30 andere Interessenten gibt.“

Durch das Projekt „Housing First“, das fiftyfifty seit etwa drei Jahre umsetzt, ist es gelungen, 54 Menschen in Düsseldorf in 48 Wohneinheiten unterzubringen. Dabei wurden Wohnungen durch das Straßenmagazin selbst aufgekauft und an Obdachlose weitervermietet. Der Kaufpreis konnte durch den Verkauf von Gemälden finanziert werden, die Künstlerinnen und Künstler zweckgebunden für dieses Projekt zur Verfügung gestellt haben.

Ursprünglich stammt das Konzept „Housing First“ aus den USA und wurde entwickelt, um wohnungslosen Drogenabhängigen eine Wohnung zu vermitteln. „Das Modell sieht vor: Direkt von der Straße in die eigene Wohnung und dann wenn die Leute dort angekommen sind, kann man die Probleme, die zur Wohnungslosigkeit geführt haben angehen“, erklärt mit Julia von Lindern. Dabei haben alle Teilnehmer des Projekts einen regulären Mietvertrag mit „fiftyfifty“ und sind deshalb selbstverständlich auch zur Zahlung der Miete verpflichtet. Einige finanzieren sich mittlerweile über ein eigenes Arbeitsverhältnis, andere sind Transferleistungsempfänger. Und offensichtlich scheint das Konzept aufzugehen; so habe seither noch kein Mieter wieder ausziehen müssen beziehungsweise wollen.

„Der Weg, der zu einem Leben auf der Straße führt, ist häufig ähnlich; eine Trennung, der Arbeitsplatzverlust, all das entwickelt sich sukzessive zu einer Isolierung, vielleicht auch zu psychischen Problemen und dann geht es manchmal sehr schnell, dass die Wohnung weg ist. Ist man an diesem Punkt erst einmal angekommen, ist der Weg zurück häufig sehr schwer.“ Viele kämen sogar aus überwiegend bürgerlichen Strukturen, wobei aus Scham nicht selten versucht wird, die Situation zu verschleiern. Auch Jungs Familie wusste nicht, dass er zehn Jahre auf der Straße gelebt hat. 

Leider führt in Deutschland in den meisten Fällen der Weg von der Straße in eine Gemeinschaftsunterkunft. Der oft desolate Zustand dieser Unterkünfte und die fehlende Privatsphäre bewirken, dass Obdachlose, insbesondere außerhalb der Wintermonate, das Leben auf der Straße vorziehen.

Studien zu „Housing First“, belegen, dass dieser Ansatz letztendlich auch für staatliche Einrichtungen kostengünstiger ist. Hierzu Julia von Lindern: „Hilfen für Wohnungslose sind teuer. Wir gehen davon aus, dass viele dieser Menschen zwischen fünf und sechs Mal den Weg von der Straße in eine Sammeleinrichtung inklusive der behördlichen Verfahren durchlaufen bevor sie wieder in einen regulären Mietvertrag einsteigen.

„Housing First“ ist hier schneller. Die Studien zeigen, dass zwischen 79 und 95 Prozent der hier Vermittelten nach fünf Jahren immer noch in der ersten Wohnung leben.“ Finnland habe dieses Programm als nationale Strategie umgesetzt und dadurch in den letzten zehn Jahren die Straßenobdachlosigkeit praktisch abgeschafft. Man habe die Erfahrung gemacht, dass durch die eigene Wohnung sich der Alltag so stabilisiert, dass viele ein völlig normales Leben führen.

Auch Andre Kurkowiak hat durch „Housing First“ endlich wieder ein Dach über dem Kopf. Seit neun Monaten lebt er nun in einer kleinen Wohnung im Stadtteil Bilk. Das Projekt habe für ihn nur Vorteile. „Endlich lebe ich in einem normalen Mietverhältnis, keine Wohngruppe, keine Gruppengespräche.“ Er sei schließlich 40, Vater von zwei Töchtern und möchte endlich versuchen auf eigenen Beinen zu stehen. Sein Leben habe sich mit der neuen Wohnung um 180 Grad gedreht, vor allem gesundheitlich. Als ehemals heroinabhängiger nimmt er jetzt an einem Methadonprogramm teil und möchte nie wieder zurück auf die Straße oder in eine Sammelunterkunft.     

Das ist ebenfalls das Ziel von Phillip Jung. Er erzählt mir, dass er seit zwei Monaten einen eigenen Job bei der Essensausgabe in einem Krankenhaus habe. „Man kommt von der Arbeit nach Hause, kocht etwas, führt ein ganz normales Leben.“ Das sei für ihn das Wichtigste.

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